Wenn Hitze zur Belastungsprobe wird

Kardiologe gibt Tipps gegen Kreislaufprobleme

Temperaturen von teils mehr als 35 Grad, schwüle Luft, warme Nächte und kaum Abkühlung: Die aktuelle Hitze ist für viele Menschen mehr als nur unangenehm. Sie kann den Körper ernsthaft belasten. Besonders das Herz-Kreislauf-System arbeitet bei hohen Temperaturen im Ausnahmezustand. Dr.  Henning Rust, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie, leitet gemeinsam mit Dr. Axel Bünemann als Chefarzt die Kardiologische Abteilung am Bethanien Krankenhaus Iserlohn. Im Interview erklärt er, warum Hitze gefährlich werden kann, welche Warnzeichen ernst genommen werden müssen und wie man sich im Alltag schützt.

Dr. Rust, was sind die typischen Symptome bei so einer Hitzewelle?

Dr. Rust: „Man schläft schlechter, fühlt sich schlapp, ist weniger belastbar, der Kopf drückt, die Beine werden schwer. Das sind keine eingebildeten Beschwerden. Bei großer Hitze muss der Körper deutlich mehr leisten. Er versucht, die Körpertemperatur stabil zu halten, indem er Wärme über die Haut abgibt und schwitzt. Dafür werden die Blutgefäße erweitert. Gleichzeitig verliert der Körper Flüssigkeit und Mineralstoffe. Diese Kombination kann den Kreislauf erheblich unter Druck setzen. Dadurch kann das Blutvolumen sinken. Das Herz muss stärker arbeiten, der Blutdruck kann abfallen. Im schlimmsten Fall kann es zu einem Kreislaufkollaps kommen. Gerade bei drückender, schwüler Hitze kommt ein weiterer Faktor hinzu: Der Schweiß verdunstet schlechter. Schwitzen kühlt den Körper vor allem dann, wenn der Schweiß verdunsten kann. Bei hoher Luftfeuchtigkeit funktioniert diese körpereigene Klimaanlage weniger effektiv. Dann fühlt sich die gleiche Temperatur noch belastender an.“

Woran erkennt man, dass es kritisch wird?

Dr. Rust: „Warnzeichen sind starker Schwindel, ausgeprägte Schwäche, Übelkeit, Erbrechen, Verwirrtheit, sehr schneller Puls, starke Kopfschmerzen, Muskelkrämpfe oder eine auffallend heiße Haut. Besonders alarmierend sind Bewusstseinsstörungen, Verwirrtheit, Krampfanfälle oder Bewusstlosigkeit. Dann darf man nicht abwarten. Brustschmerzen, Atemnot, Bewusstlosigkeit oder Verwirrtheit sind keine Situationen für Abwarten und Googeln. In solchen Situationen sollte sofort der Notruf 112 gewählt werden. Besonders bei älteren Menschen können die Zeichen untypisch sein. Manchmal zeigen sich hitzebedingte Probleme nicht durch dramatische Symptome, sondern durch plötzliche Schwäche, Stürze, Teilnahmslosigkeit, Verwirrtheit oder eine deutliche Verschlechterung des Allgemeinzustands. Ältere Menschen trinken oft weniger, weil das Durstgefühl im Alter nachlässt. Gleichzeitig nehmen viele Medikamente ein, die bei Hitze eine besondere Rolle spielen können. Dazu zählen zum Beispiel entwässernde Medikamente, Blutdrucksenker oder bestimmte Herzmedikamente. Wichtig ist: Medikamente niemals eigenmächtig absetzen oder verändern. Wer unsicher ist, sollte mit der Hausarztpraxis oder der behandelnden Fachärztin beziehungsweise dem behandelnden Facharzt sprechen.“

Wer ist besonders gefährdet?

Dr. Rust: „Nicht jeder Mensch reagiert gleich empfindlich auf Hitze. Doch bestimmte Gruppen müssen besonders aufpassen. Dazu gehören ältere Menschen, pflegebedürftige Personen, Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nieren- oder Lungenerkrankungen, Diabetes, starkem Übergewicht, Säuglinge, Kleinkinder und Schwangere. Auch Menschen, die draußen arbeiten oder körperlich schwer arbeiten, tragen ein erhöhtes Risiko.

Ältere Menschen trinken oft weniger, weil das Durstgefühl im Alter nachlässt. Gleichzeitig nehmen viele Medikamente ein, die bei Hitze eine besondere Rolle spielen können. Dazu zählen zum Beispiel entwässernde Medikamente, Blutdrucksenker oder bestimmte Herzmedikamente. Wichtig ist: Medikamente niemals eigenmächtig absetzen oder verändern. Wer unsicher ist, sollte mit der Hausarztpraxis oder der behandelnden Fachärztin oder Facharzt sprechen.“

Welche Rolle spielt Trinken bei so einer Hitze?

Dr. Rust: „Für viele gesunde Erwachsene sind zwei bis drei Liter Flüssigkeit über den Tag verteilt bei Hitze sinnvoll. Entscheidend ist aber die individuelle Situation. Wer eine Herzschwäche oder Nierenerkrankung hat, sollte die Trinkmenge ärztlich besprechen. Für diese Menschen kann zu viel Flüssigkeit ebenfalls problematisch sein. Geeignet sind vor allem Wasser, ungesüßte Tees oder stark verdünnte Saftschorlen. Bei starkem Schwitzen kann auch eine Brühe oder mineralstoffhaltige Kost sinnvoll sein. Alkohol ist bei Hitze keine gute Idee. „Alkohol erweitert die Gefäße zusätzlich, kann den Kreislauf belasten und fördert Flüssigkeitsverluste. Das kühle Bier in der prallen Sonne ist für den Kreislauf kein Geschenk, sondern eher ein kleiner Saboteur im Glas. Auch sehr kalte Getränke sind nicht immer ideal. Sie können Magen und Kreislauf zusätzlich reizen. Besser ist es, regelmäßig kleinere Mengen zu trinken, statt abends hektisch eine große Flasche Wasser nachzuholen.“

Was raten Sie Menschen für den Tagesablauf?

Dr. Rust: „Man sollte den Tag der Hitze anpassen und nicht versuchen, das normale Pensum stur durchzuziehen. Einkäufe, Spaziergänge, Gartenarbeit oder Sport gehören in die frühen Morgenstunden oder in den Abend. Die heißeste Zeit des Tages sollte man möglichst ruhig angehen lassen. Der Körper ist kein Motor, den man bei 35 Grad einfach weiter hochdrehen sollte. Wenn man merkt, dass man langsamer wird, ist das kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein sinnvolles Warnsignal des Körpers.“

Wie ist Ihr Rat in punkto Essen?

Dr. Rust: „Die Ernährung spielt bei Hitze ebenfalls eine große Rolle. Schwere, fettige Mahlzeiten belasten den Körper zusätzlich. Besser sind kleinere Portionen über den Tag verteilt, etwa Salate, Gemüse, Obst, Joghurt, leichte Suppen oder wasserreiche Lebensmittel wie Gurke, Tomate oder Melone.

Der Körper hat bei Hitze schon genug zu tun, da muss man ihn nicht noch mit einem schweren Essen zusätzlich belasten.“